Modemetropole Friedrichshain
Ein sehr lustiges und interessantes Buch ist neulich auf meinem Nachttisch gelandet: "Berliner populäre Irrtümer". Von den beiden (Radio 1?) Moderatoren Volker Wieprecht und Robert Skuppin, die eigentlich eh recht witzig sind. Sie versammeln jedenfalls nette kleine Anekdoten zu netten kleinen Berliner Themen, über die man immer mal wieder gerätselt hat. Was bedeuted das "G" in "BVG" ? Stammt Berlin wirklich vom "Bären" ab, worthistorisch betrachtet ? Was ist das "Café Achteck" ? War (Ost-)Berlin die wirklich die Hauptstadt der DDR ? (Antwort: Jein.)
Am interessantesten ist aber die Geschichte zur "Modehauptstadt Berlin". Ist sie zwar eher nicht, also eine Modehauptstadt. Aber es gibt eine kleine Eigenheit, die folgendermaßen beschrieben steht:
" ... Einige stadtteilspezifische Mode-Erscheinungen werden es allerdings kaum auf die Laufstege der Welt bringen. In Friedrichshain zum Beispiel scheint das Tragen einer geöffneten Bierflasche ein unerlässliches modisches Accessoire beim Flanieren durch die Straßen zu sein. Ob jung oder alt, arm oder reich, Mann oder Frau - jeder, der die Grenze zu Friedrichshain überschreitet, schmückt sich alsbald mit dem hippen Chill-Out-Kleinod, um in zu sein. Das gibt es weder in Paris noch in Mailand. Das ist einzigartig und nur in der Mode-Hauptstadt Berlin anzutreffen."
Das Lustige daran ist vor allem dass ich selbst schon seit Monaten über das gehäufte und allgegenwärtige Auftreten desselben Accesoires in Berlin rätsle. Und zwar nicht nur in Friedrichshain, auch in Mitte oft gesehen. Oder jedenfalls am Weg von Mitte nach Friedrichshain.
In keiner anderen mir bekannten Stadt wird Alkohol so selbstverständlich am hellichten Tage konsumiert. Und wirklich, wie beschrieben, quer durch alle Gesellschaftsschichten. In der U-Bahn. Am Weg nach Hause nach der Arbeit. Am Weg zum Bäcker. Mal eben noch schnell ein Bierchen für den Weg mitgenommen. Jung und alt. Man macht sich gemeinsam nach der Arbeit auf den Heimweg und nimmt noch schnell ein Biertschi für die U-Bahn mit.
Warum eigentlich nicht, denkt man sich dann schon manchmal. Warum noch blöd in eine Kneipe setzen, wenn der Kiosk am U-Bahnsteig sowieso die drei wichtigsten Biersorten führt. Und was ist schon eine schicke Bar in Mitte gegen die bunt graffity beschmierten BVG Plastikbänke in der U2. Aber in einem Bezirk mit 25% Arbeitslosen und 50% Studenten braucht man sich wohl über die gesellschaftliche Akzeptanz des Alkohols eigentlich eh keine Sorgen machen...
